Bockkeller

Der „Bockkeller“, der jetzige Sitz des Wiener Volksliedwerkes in 1160 Wien, Gallitzinstraße 1, verdankt seinen Namen den Brüdern Leopold und Karl Gammer, die im Jahr 1906 die Gastwirtschaft von Heinrich Ihl übernommen haben. Im Jahr 1908 kaufte Karl Gammer seinem Bruder Leopold dessen Anteile an der Gastwirtschaft und Immobilie ab. Im Gegensatz zur Gastwirtschaft gegenüber, namens  „Bisinger“ welche vor allem  Ottakringer Lager- und Abzugsbier ausschenkte, hatte Karl Gammer einen Vertrag mit der Nussdorfer Brauerei, die im 19.Bezirk den „Nussdorfer Bockkeller“ betrieb. Der Bierlieferant war also offensichtlich maßgeblich an der Gebung des Namens beteiligt.

Ursprünglich wurde im Jahr 1901 das große Grundstück samt Villa an der Ecke Gallitzinstraße/Steinhofstraße von Heinrich Ihl gekauft und im Parterre der zweistöckigen Villa die Bürgerliche Gastwirtschaft und Restauration eingerichtet. Die Gallitzinstraße war ein Paradeweg zum Liebhartstal als beliebtes Ausflugsziel und wurde vor allem an den Wochenenden von tausenden Menschen belebt, als Ausflugsziel in die nahegelegenen Wälder, um dann auch in Gasthäuser und Heurigenlokale einzukehren. Die Gastwirtschaft hatte einen großen, teils schattigen Gastgarten. Die Friedhofsnähe diente auch als Garant für Leichenschmäuse.

Heinrich Ihl starb 1903 überraschend im Alter von 55 Jahren. Sein Sohn führte die Gastwirtschaft weiter und verkaufte 1906 Grundstück samt Villa an die Brüder Leopold und Karl Gammer, bereits in Wien bekannte Gastronomen. Sie nannten die Gastwirtschaft ab 1906 Restauration „Bockkeller.“ Noch im gleichen Jahr beauftragten sie den Stadtbaumeister Franz Gräf mit dem Bau eines neuen Gebäudes, einen Saalbau für größere Veranstaltungen. 1907 wurde der Restaurationsbetrieb im neuen einstöckigen „Bockkeller“ eröffnet. Die Initialien LG und KG der Brüder Gammer sind noch heute an den beiden Hausseiten zu finden.  Ein Jahr später kaufte Karl Gammer die Anteile seines Bruders Leopold an der Immobilie und Gastwirtschaft.

Karl Gammer jun. musste nach dem Tod seines Vaters Karl Gammer im Jahr 1911 als 15jähriger die Gastwirtschaft samt Immobilie übernehmen und war unter Mithilfe der gesamten Familie erfolgreich. Im Gastgarten hatten bis zu 1500 Personen Platz. Ab dem Jahr 1936 wurde Karl Gammer die Genehmigung erteilt, Radio- und Schallplattenkonzerte zu veranstalten, unter Einschränkung der Rücksicht auf den nahe gelegenen Friedhof während der Beerdigungszeiten 13.30 bis 17 Uhr.

Während im Jahr 1934 vergleichsweise 16 Kellner beschäftigt waren, reduzierte sich der Bedarf während des Krieges auf 1 bis 2 Kellnerinnen. Die Familie Gammer hält die Gastwirtschaft bis 1971 aufrecht. Nach dem Tod von Karl Gammer, jun. im Jahr 1976 verkaufen die Erben im Jahr 1980 Häuser und Grundstücke an den Steinmetz, Josef Anreitter.

1985 kaufte der Niederländer, Van der Velden einen Teil des Grundstücks und das im Jahr 1906 errichtete Saalgebäude unter der Auflage, dieses gemäß dem ursprünglichen Aussehen zu restaurieren. Die Deckenmalerei mit den musizierenden barockartigen Engeln, das umlaufende Ochsenaugenfries, der Stuck mitsamt vier Stuckengeln und die mit Gold eingefassten Wände sind sorgfältig restauriert worden. Nachträglich wurden Wandspiegeln angebracht. Und noch im gleichen Jahr eröffnete Van der Velden seinen Blumenhandel, den „Holland Blumen Markt“ im Bockkeller.

Im Jahr 1986 wird das Erstgebäude, die Ihl’sche Villa (errichtet um 1897), welches noch lange als privates Wohnhaus der Familie Gammer diente und bereits seit einiger Zeit verfallen war, abgetragen.

1992 verkaufte Van der Velden die Immobilie an die Stadt Wien, die es nach einiger Adaptierung dem Wiener Volksliedwerk für die „Bewahrung und Pflege des Volksliedes“ zur Verfügung stellte. Im Jahr 1993 übersiedelte dann das Wiener Volksliedwerk, damals gemeinsam mit dem Niederösterreichischen Volksliedwerk und dem Dachverband in den Bockkeller an der Adresse 1160 Wien, Gallitzinstraße 1. 2001 zieht der Dachverband in den ersten Bezirk in Wien, das Niederösterreichische Volksliedwerk übersiedelt noch im Jahr 1993 nach St. Pölten, der Dachverband wechselt seinen Sitz im Jahr 2001 an die Adresse 1010 Wien, Operngasse.

Der Liebhartstaler „Bockkeller,“ seit 1907 Ort der Geselligkeit und des kulturellen Austausches, diente mit seinem schattigen Garten und ehemaligem Speisesaal im ersten Stock in den Jahren bis 1971 als Veranstaltungsort für Radio- und Schallplattenkonzerte, bei denen Speisen und gute Getränke serviert wurden. Der Saal steht heute ebenso für abwechslungsreiche Konzerte zur Verfügung. So sorgten bisher zahlreiche Künstler, wie Roland J. L. Neuwirth, Karl Hodina, Kurt Girk und viele andere mit ihren Auftritten für die Verbreitung und Pflege des Volksliedes und Wienerliedes.

Im Parterre des Hauses befinden sich Büroräume, ein Lesesaal, das gesamte Archiv und die Bibliothek des Wiener Volksliedwerkes. Das Archiv umfasst 20.000 Flugblätter mit Wienerliedern, 45.000 gedruckte Noten in Liederbüchern, zirka 40.000 Instrumentalstücke und einige tausend Ton- und Videodokumente.

Rosita S. Romano
im Juli 2021
verkürzte Fassung von: Susanne Schedtler, 100 Jahre Liebhartstaler Bockkeller in: bockkeller 13. Jg., Nr. 3, 2007

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